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„Die Prosa der Ereignisse“ im ARD-Hauptstadtstudio eröffnet

Mittwoch, 8. Februar 2012, 2351h Einen Kommentar schreiben Kommentare

Am 7. Februar 2012 wurde die Ausstellung „Die Prosa der Ereignisse“ im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin vor zahlreichen Gästen eröffnet. Jens Kloppmann präsentiert einen Querschnitt durch sein Schaffen in den vergangenen Jahren, bis hin zu eigens für die Ausstellung erstellten Videoinstallationen. Seine Arbeiten kreisen um die Themen kollektive und individuelle Erinnerung, Geschichte und unseren Umgang damit.

Nach einer Begrüßung durch Eva Woyte vom ARD-Hauptstadtstudio stellte Kurator Martin Bayer (wartist) die einzelnen Arbeiten vor: Im Erdgeschoss ist ein unbekannter deutscher General in einem „Leuchtkasten“ zu sehen, seine Augen richten sich nach hinten. Was sieht sein abgeklärter Blick in diesem Moment? Ein jeder macht sich beim Betrachten eigene Gedanken: ist er ein Nazi, ein Kriegsverbrecher? Genauso gut könnte das Foto auch ein Filmstill sein – aus all jenen Filmen über Krieg, die nicht müde werden, uns eine „wahre Geschichte“ zu erzählen. Doch was ist Wahrheit, was ist Geschichte, ja, was ist eine Geschichte?

Auf derselben Seite, auch in einem Leuchtkasten, befindet sich die Arbeit „Luftkampf“. Ironisch gebrochen sind die Schatten von Kampfflugzeugen auf einem farbenfrohen Handtuch zu sehen, das doch wie die Luftaufnahme von Feldern anmutet. Die individuellen Erinnerungsmuster ordnen auch hier zu.

Gegenüber befindet sich Arbeiten aus der Serie „Bullet Holes“: Zunächst wirken sie wie abstrakte, serielle Werke. Doch die Löcher sind Gipsabgüsse von den Kriegsspuren an Berliner Häuserfassaden. Einst gehörten diese von Patronen und Bomben- wie Granatsplittern erzeugten Narben zum Alltagsbild der Stadt; nun verschwinden sie, werden renoviert, wegretuschiert. Die Vertiefungen befinden sich in glattgeschliffenen Platten: kein Unterschied in Mauerwerk und Putz verweist auf die Herkunft: ob es sich um Fabrikhallen, Mietskasernen oder eine Stadtvilla handelte – die Zerstörungen des Krieges betreffen alle gleich.

Gleichsam retuschiert wurde einst Leo Trotzki: unter Stalin in Ungnade gefallen wurde sein Abbild aus offiziellen Fotos entfernt, er selbst schließlich ermordet. Manchmal sind auf den retuschierten Fotos Reste zu sehen: ein Paar Schuhe wurden vergessen – oder erinnern sie gar aus Absicht belassen, um an den Getilgten zu erinnern? Jens Kloppmann jedenfalls retuschiert Trotzki in andere Fotos hinein und schafft ihm somit in der Serie „Im fotografischen Exil – Rache für Trotzki“ ein bildnerisches Asyl, sei es beim Kniefall von Willy Brandt in Warschau, beim Gipfeltreffen zwischen Gorbatschow und Reagan oder zur Freilassung von Nelson Mandela.

Jene letzte Situation findet sich auch in der Serie neuer Videoloops, die auf jene Momente der Geschichte verweisen, in denen Ereignisse auf die Zukunft hinwiesen, letztere aber noch ungewiss ist: Ruhollah Chomeini kehrt aus dem Exil nach Teheran zurück; Boris Jelzin verkündet das Ende der Sowjetunion; George W. Bush läuft am Abend des 11. Septembers 2001 auf seinen Dienstsitz zu: nun muss er, müssen die USA handeln…

Zwei Schilder verweisen auf die Installation „Bonn ist nicht Weimar“: der Künstler tauschte die Ortseingangsschilder jener beider ehemaligen Hauptstädte aus, die für eine bestimmte Politik standen und über Jahrzehnte immer wieder miteinander verglichen wurden. So fuhr man einst durch die schöne thüringische Landschaft und erreichte Bonn – nicht.

Die Serie „Diktatoren mit Tieren“ schließlich versammelt 48 Diktatoren, viele gestürzt, manche noch in Amt und ohne Würden. Der Neigung vieler Despoten, sich zusammen mit Tieren abzubilden, ging der Künstler nach. Doch sind es hier keine Symbole der Macht oder der Schläue, sondern Tiere, die viel mehr über den Charakter des Portraitierten aussagen: Baschar al-Assad wird von einem Strauß begleitet, Kim Jong-Il von einem Panda, Benito Mussolini von einem Esel und ein exaltierter Flamingo beugt sein Haupt vor dem grauen Ajatollah Chomeini.

Die Laubsägearbeit „Ornament“ besteht aus ca. 200 Einzelteilen: Ikonen der kollektiven Erinnerung wie der fallende Soldat von Robert Capa oder der mit einer Kapuze versehene Gepeinigte aus Abu-Ghuraib hängen neben Unbekannten, Soldaten neben Zivilisten, Politiker neben Personen aus der Popkultur. An was erinnern wir uns – und warum?

Wir danken herzlich allen Beteiligten, die zum Gelingen der Ausstellung beigetragen haben:

  • Dem ARD-Hauptstadtstudio, dem Studioleiter Ulrich Deppendorf und der Leiterin Kommunikation, Eva Woyte, sowie all den zahlreichen Mitarbeitern/innen, die scheinbar Unmögliches möglich machten, nicht zuletzt den Damen und Herren aus dem Archiv und den Cutterinnen, die den Künstler bei der Erstellung der Videoinstallationen unterstützten.
  • Der Deutschen Atlantischen Gesellschaft e.V., vertreten durch ihren Präsidenten Christian Schmidt MdB und ihren Geschäftsführer Johannes Lay sowie seinen Mitarbeitern/innen.
  • Sony Deutschland für das großzügige Sachsponsoring.
  • Unzähligen weiteren Personen für Inspirationen, Hinweise und Hilfen.

Zum Ausstellungsende wird ein Katalog erscheinen. Bitte vermerken Sie Ihr unverbindliches Interesse unter order@wartist.org.

Begleitend zur Ausstellung werden folgende Sammlereditionen angeboten:

„Trümmerfrau“
Acryl auf Leinwand/Sperrholz, gebeizt
25 x 30 cm
111 Exemplare, nummeriert und signiert
150,- €

„Bullet Hole“
Gips
10 x 10 x 5 cm
Multiple, signiert
30,- €

Weitere Informationen oder Bestellungen unter order@wartist.org.

Die Ausstellung ist nach Voranmeldung per Telefon, Fax oder Email täglich bis 15. April 2012 zu besichtigen. Anfragen für Künstler- oder Kuratorenführungen sind an order@wartist.org zu richten.

„Die Prosa der Ereignisse“
8. Februar – 15. April 2012 (täglich nach Voranmeldung)

ARD-Hauptstadtstudio
Wilhelmstr. 67a
10117 Berlin
Tel.: 030 / 2288 1100
Fax: 030 / 2288 1109
Email kommunikation@ard-hauptstadtstudio.de

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