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“Historienbild” im Kunstraum t27 (Berlin)

Samstag, 11. Dezember 2010, 1842h Einen Kommentar schreiben Kommentare

Wie bereits hier angekündigt, feiert der Berliner Kunstraum t27 seinen dritten Geburtstag mit der Gruppenausstellung „Historienbild“ im Rahmen einer sechsteiligen Ausstellungsreihe zu den verschiedenen Genres (nicht nur) der Malerei. Die insgesamt 30 Werke von Chris Dreier, Andreas Seltzer, Henning Kappenberg, Barbara Duisberg und Thilo Droste setzen sich alle nicht nur mit der Geschichte und der Erinnerung an Vergangenes auseinander, sondern nicht zuletzt und auf unterschiedliche Weise mit Krieg. Die überaus sehenswerte Ausstellung ist vom 11. Dezember 2010 bis 9. Januar 2011 geöffnet.

Chris Dreier und Andreas Seltzer zeigen Teile ihres umfangreicher werdenden Werks „Verdun“ zum Schlachtfeld von Verdun, nachdem die Galerie Laura Mars Grp. bereits einen anderen Teil dieses Werks präsentierte (siehe Wartist-Artikel hierzu). Dreier fertigte ihre Fotografien oft in Bodennähe an: „man spürt fast die Feuchtigkeit“, so Dreier, und zudem ist dies auch die häufige Perspektive von Soldaten. Durch den hohen Schärfebereich der Lochkamera ist der Eindruck stimmig: die Bilder überzeugen durch ihre atmosphärische Dichte. 6 Farb und 12 sw-Fotografien sind ausgestellt; sie kosten bei einer Auflage von 4+1 jeweils 250 € (23×17 bzw. 24×18 cm), 300 € (28×20 bzw. 29×23 cm) oder 400 € (29×29 cm).

Ergänzt werden diese fotografischen Eindrücke durch die Zeichnungen von Seltzer: er verweist auf Verdun als touristisches Reiseziel: schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg erschienen Publikationen für die zahlreichen Besucher der Schlachtfelder, Forts und Bunkeranlagen. Aus diesen touristischen Reiseführern bezieht Seltzer seine Inspiration und ergänzt sie durch detaillierte Zeichnungen.

Henning Kappenberg setzt sich in seinem Werk immer wieder mit Krieg auseinander, nicht zuletzt in einer großen Werksserie zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. In „Historienbild“ sind drei Arbeiten zur Zerstörung der baskischen Stadt Guernica/Gernika durch die deutsche Legion Condor während des Spanischen Bürgerkriegs zu sehen. Für „Guernica“ aus dem Jahr 2007 malte Kappenberg eine Karte der nordspanischen Region ab (Acryl auf Leinwand, 60×120 cm, 2.400 €); die Farbe wurde mit einer Injektionsspritze aufgetragen, wodurch ein dreidimensionaler, stacheliger Effekt auftritt. Auf der Originalkarte war Guernica wegen der kleinen Größe nicht vorhanden; der Künstler fügte den zum Symbol gewordenen Namen hinzu.

Die beiden anderen Arbeiten, „Calle de la estación, Guernica“ (1991, 25×36 cm) und „Plaza de la estación, Guernica“ (1993, 25×40 cm, jeweils 250 €) zeigen Szenen aus dem Städtchen vor der Zerstörung auf Basis damaliger Fotografien. Die Gemälde sind jedoch mit rotem Schelllack überzogen – die heile Vergangenheit rückt in die Ferne, überdeckt von der rissigen, halbtransparenten Farbschicht.

Barbara Duisberg zeigt mit „Grenzerfahrungen“ aus dem Jahr 2008 ein eindrucksvolles Werk (Acryl auf Schlagmetall, MDF-Träger, 430×180 cm; 7.800 €): Basis war ein Pressefoto polnischer Militärpolizisten am Tag nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008. Auf Duisbergs Werk sind die Soldaten losgelöst von der Umgebung, ja von ihrer Funktion. Allein sind sie auf ihrem goldenen Hintergrund abgebildet, nur begleitet von ihren Schatten. Duisberg geht es in ihrem Werk immer wieder um Flucht, und nicht zuletzt hier um die „Ambivalenz zwischen Individuum und Funktion“. Reduziert auf die Protagonisten verschwimmt ihre Aufgabe; geradezu verloren wirken die Krieger auf der edlen Fläche – ohne ihren Kontext wird die Rolle zum Symbol; Funktion, Ort und Zeit werden übertragbar.

Thilo Droste zeigt mit seinem Bild „statt von Menzel“ (2009, Öl auf Leinwand, 205×175 cm) eines von 14 Werken aus seiner Serie „Verschollene Bilder“. Diese folgt einem interessanten Konzept: Droste wählt Bilder aus dem Buch „Verlorene Werke der Malerei – In Deutschland in der Zeit von 1939 bis 1945 zerstörte und verschollene Gemälde aus Museen und Galerien“ von Klaus P. Rogner und malt diese im Originalformat nach. Allerdings handelt es sich nicht um bloße Kopien; vielmehr verwendet er seinen eigenen Malstil und zudem bildet er das Ursprungsgemälde in Schwarzweiß ab – ein weiterer Verweis auf den Charakter der Kopie. Denn das Original bleibt unersetzlich, der Verlust durch Kriegsfolgen ist nicht zu überbrücken.

Das hier ausgestellte Bild basiert auf einem Gemälde von Adolph von Menzel und zeigt den preußischen König Friedrich II – dort sind die Kriegsgeschehnisse ausgeblendet – der Herrscher sitzt mit seiner Gesellschaft zu Tisch. Die anderen 13 Werke aus Drostes Serie werden in der Ausstellung durch aufgemalte Rahmen aufgezeigt – die Lücken durch den Krieg werden auf eine weitere, abstrakte Ebene gehoben.

Insgesamt eine überaus sehenswerte und abwechslungsreiche Ausstellung, die sich mit Krieg auf unterschiedlichste Weise auseinandersetzt.

Historienbild
11. Dezember 2010 bis 9. Januar 2011
Geöffnet Mi-So von 1500-1900h
Geschlossen vom 24. Dezember 2010 bis 1. Januar 2011
Vortrag: “Historie(n) und ihre Bilder” von Christian Mayrock, 16. Dezember 2010, 1930h
Finissage: 9. Januar 2011, 1930h mit Künstlergespräch und Auslosung der Kunstlotterie

kunstraum t27
Thomasstraße 27
12053 Berlin

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