{"id":434,"date":"2009-03-01T12:27:21","date_gmt":"2009-03-01T11:27:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=434"},"modified":"2009-03-05T16:11:26","modified_gmt":"2009-03-05T15:11:26","slug":"alexander-seidel-panthersprung-schultz-contemporary-berlinalexander-seiler-panthersprung-schultz-contemporary-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=434","title":{"rendered":"Alexander Seiler: Panthersprung (Schultz Contemporary Berlin)"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p><strong>&#8222;Ich bin ein fr\u00f6hlicher Pessimist&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits <a title=\"Panthersprung (Wartist)\" href=\"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=398\" target=\"_blank\">hier<\/a> angek\u00fcndigt, stellt <a title=\"Alexander Seiler: Archiskulpturen\" href=\"http:\/\/archiskulpturen.blogspot.com\/\" target=\"_blank\">Alexander Seiler<\/a> einige seiner faszinierenden Objekte in der Berliner Galerie <a title=\"Schultz Contemporary\" href=\"http:\/\/www.galerie-schultz.de\/\" target=\"_blank\">Schultz Contemporary<\/a> aus. Die gro\u00dfformatigen Arbeiten lohnen den Besuch der Ausstellung &#8222;Panthersprung&#8220; (28.2.-18.4.2009).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die drei gezeigten Objekte sind allesamt Schiffe. Auf den ersten Blick muten die gut f\u00fcnf Meter langen Werke aus Gips wie normale Kriegsschiffe an: schlanke Silhouette, Gesch\u00fctzt\u00fcrme, Aufbauten mit Kommandobr\u00fccke. Doch schnell stellt der Betrachter fest, dass der K\u00fcnstler durch architektonische Elemente etwas Neues zu schaffen wusste:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ngg_shortcode_2_placeholder<\/p>\n<p>Die <strong>&#8222;Barke des Oligarchen &#8211; Kenotaph&#8220;<\/strong> (Gips, 2008, 135 x 85 x 465 cm, 16.000 \u20ac)\u00a0ist nicht wirklich eine Barke: der Titel reflektiert ironisch die &#8222;Yachten&#8220; jener moderner Wirtschaftsbarone, die gern das Format veritabler Flugzeugtr\u00e4ger angenommen haben. Der zweite Teil des Titels mag auf den Staat oder gar unsere Gesellschaftsform verweisen: als Ehrenzeichen f\u00fcr eine einst glanzvolle, nun g\u00e4nzlich vergangene Zeit. Das Schiff mit dem langgezogenen Rumpf eines Kreuzers ist, so Seiler, &#8222;zuerst einmal ein Staatsschiff&#8220; auf dem sich so manches findet, &#8222;was den Staat vorantreibt&#8220;:<sup class='footnote'><a href='#fn-434-1' id='fnref-434-1' onclick='return fdfootnote_show(434)'>1<\/a><\/sup>\u00a0Eine Fabrikhalle mit dem typischen Sheddach bildet das Zentrum, ein Obelisk dient als Mast und wirkt doch wie ein Schlot aus der Gr\u00fcnderzeit. Der in seinem Umfang m\u00e4chtige Schornstein ist kurz, wie gekappt, gesprengt, wie so viele Fabrikschlote. Davor ein tempelartiger gro\u00dfer Aufbau mit\u00a0dorischen S\u00e4ulen an den Seiten, der verschiedenste Deutungen zul\u00e4\u00dft: es mag ein religi\u00f6ser Huldigungsort sein &#8211; oder doch eine Markthalle oder eine B\u00f6rse, Orte der Huldigung des Geldes. Auch ein\u00a0prunkvolles Regierungsgeb\u00e4ude k\u00f6nnte auf dem Mittelschiff stehen, dessen S\u00e4ulen Platz zwischen burgzinnenartigen Aufbauten finden. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen: die Fabrik ist abgewirtschaftet, das Schiff marode.<\/p>\n<p>Das <strong>&#8222;Mutterschiff&#8220;<\/strong> (Gips, 2008, 110 x 85 x 495 cm, 16.000 \u20ac) ist hingegen in seiner Anmutung ein klares Schlachtschiff: die Hauptbewaffnung besteht aus Drillingst\u00fcrmen, deren Gesch\u00fctzrohre aus S\u00e4ulen bestehen: ungleichm\u00e4\u00dfig ausgerichtet, nach unten zeigend, gebrochen gar. Die beiden Schornsteine sind gleichfalls S\u00e4ulen, w\u00e4hrend die komplexen, verwinkelten Aufbauten mehr als nur windschief dem Meer trotzen: das Schiff scheint so manche Schlacht geschlagen zu haben &#8211; nun m\u00f6chte man es lieber in einer Werft als auf hoher See sehen. Wie die anderen Schiffe auch ist es nicht g\u00e4nzlich symmetrisch gebaut: hier h\u00e4ngt noch ein trauriges Boot an einem Davit, dort wurden verquere Aufbauten hinzugef\u00fcgt. Ebenso interessant ist das auf einem kurzen Katapult befestigte Bordflugzeug: es besitzt keine Schwimmer f\u00fcr eine Wasserung. Seine Benutzung wird somit zum Flug ohne Wiederkehr.<\/p>\n<p>Das f\u00fcr die Ausstellung namensgebende Schiff <strong>&#8222;Panthersprung II&#8220;<\/strong> (Gips, 2004, 75 x 65 x 475 cm, 14.000 \u20ac) verweist auf\u00a0den\u00a0<a title=\"Zweite Marokkokrise (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Panthersprung_nach_Agadir\" target=\"_blank\">&#8222;Panthersprung nach Agadir&#8220;<\/a>\u00a0aus dem Jahr 1911, der Zweiten Marokkokrise zur Kaiserzeit, einem Beispiel imperialer &#8222;Kanonenbootpolitik&#8220;, in der mit Drohgeb\u00e4rden Einfluss- und Machtgewinn gesucht wurde. Dieser Versuch schlug fehl, und ebenso zerschlagen wirkt auch dieses Schiff mit seinen\u00a0traurig-impotent h\u00e4ngenden Gesch\u00fctzrohren aus S\u00e4ulen und dem tempelartigen Dreiecksgiebel \u00fcber der Kommandobr\u00fccke. Die Aufbauten wirken zusammengeschossen, der langgestreckte Rumpf liegt schr\u00e4g. Die Panzerplatten des Rumpfes erinnern immer wieder an eine rissige, alte\u00a0Haut.<\/p>\n<p>Seiler sieht den &#8222;Untergang des Abendlandes&#8220; als \u201epassende Assoziation, die ich durchaus auch verfolgt habe&#8220;. Er arbeitet viel mit Gips, &#8222;einer Art Ursubstanz, ein bi\u00dfchen wie die Ursuppe&#8220;. Das Material ist perfekt f\u00fcr die Werke: vom einstmals strahlenden Wei\u00df und der Gl\u00e4tte ist wenig geblieben. Die Werke dr\u00fccken Verg\u00e4nglichkeit und Verfall aus, als seien die Schiffe schon seit Jahrtausenden auf See. Werden sie jemals \u00fcberholt werden, oder werden sie eher abgewrackt &#8211; oder sehen sie vielmehr ihrer Versenkung entgegen? Die architektonischen Elemente nehmen jedenfalls immer wieder Bezug nicht nur zur Geschichte, sondern vor allem zur Kultur auf: ist auch ihre Zeit gekommen? Was sind die Werte, die verteidigt oder auch so selbstherrlich wie siegesgewiss in die Schlacht getragen wurden?<\/p>\n<p>&#8222;Was mir sehr aufst\u00f6\u00dft&#8220;, so Seiler, &#8222;sind diese Gutmenschfaschisten, diese moralinsauren Abla\u00dfh\u00e4ndler in ihrer ganzen Verlogenheit, die in keinster Weise echtes Bem\u00fchen um so etwas wie Wahrheit oder Aufkl\u00e4rung zeigen, sondern denen es nur darum geht, ihre eigene Sittlichkeit unter Beweis zu stellen.&#8220; Er arbeitet zur Zeit an einem &#8222;N\u00fcrnberger Schachspiel&#8220;: &#8222;Ich denke, das wird eine sch\u00f6ne, provokante Nummer.&#8220; Da ist er wieder, der fr\u00f6hliche Pessimist.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Alexander Seiler: &#8222;Panthersprung&#8220;<br \/>\n<\/strong>28.2.-18.4.2009<\/p>\n<p><strong>Schultz Contemporary Berlin<br \/>\n<\/strong>Mommsenstr. 34<br \/>\n10629 Berlin<\/p>\n<p>Di-Fr 1000-1900h, Sa 1000-1400h<\/p>\n<p>Alexander Seiler wird ab 30.4.2009 eine weitere Ausstellung im Archiv Massiv der <a title=\"Spinnerei Leipzig\" href=\"http:\/\/www.spinnerei.de\/15\/kunst\/\" target=\"_blank\">Spinnerei<\/a> in Leipzig zeigen.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-434'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-434-1'> Alle Zitate: Interview mit dem\u00a0Autor, 28.02.2009. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-434-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-434-2'> All quotes: interview with the author on 28 February 2009; translations by the author. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-434-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bin ein fr\u00f6hlicher Pessimist&#8220; Wie bereits hier angek\u00fcndigt, stellt Alexander Seiler einige seiner faszinierenden Objekte in der Berliner Galerie Schultz Contemporary aus. 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