{"id":440,"date":"2009-02-25T17:26:05","date_gmt":"2009-02-25T16:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=440"},"modified":"2009-03-04T19:06:32","modified_gmt":"2009-03-04T18:06:32","slug":"weltkriegs-romantisierung-durch-science-fiction-shooter-spiegeldo-science-fiction-shooters-romanticise-the-world-wars-spiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=440","title":{"rendered":"Weltkriegs-Romantisierung durch Science-Fiction-Shooter? (Spiegel)"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p>Christian St\u00f6cker schreibt im <em><a title=\"SPIEGEL\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/spielzeug\/0,1518,609091,00.html\" target=\"_blank\">Spiegel online<\/a> <\/em>vom 23.2.2009 unter dem knalligen Titel &#8222;Alien-Schl\u00e4chter romantisieren die Weltkriege&#8220; \u00fcber aktuelle <em><a title=\"Egoshooter (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Egoshooter\" target=\"_blank\">First-Person-Shooter<\/a> <\/em>(FPS). 68er-bewegt hei\u00dft es da, der Krieg im Kinderzimmer habe &#8222;zu Recht l\u00e4ngst keine Lobby mehr&#8220;, um wenige Zeilen sp\u00e4ter zu konstatieren: &#8222;Heute aber wird wieder mit Begeisterung Krieg gespielt.&#8220; Und so polemisiert es sich\u00a0fr\u00f6hlich weiter, wobei Zusammenh\u00e4nge erzeugt werden, die von vorn bis hinten nicht richtig stimmen wollen.<!--more--><\/p>\n<p>Gewiss, auf Computerspiele einzuschlagen ist nicht erst seit <a title=\"Christian Pfeiffer (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Pfeiffer\" target=\"_blank\">Christian Pfeiffer<\/a> wohlfeil, zumal, wenn sie gewalthaltig sind. Man erinnere sich nur an die unselige <a title=\"Killerspiele (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Killerspiel\" target=\"_blank\">&#8222;Killerspieldebatte&#8220;<\/a>, die zur Zeit wieder an Schwung verloren hat. Doch nun legt Christian St\u00f6cker im Spiegel eine geradezu traumhafte Assoziationskette hin: Die aktuellen Shooter sehen aus, als spielten sie im Ersten Weltkrieg. Ihre Plots seien &#8222;in etwa so clever wie die von &#8222;Landser&#8220;-Heftchen aus den F\u00fcnfzigern&#8220;. Sowieso: &#8222;Aliens sind auch nur Nazis, blo\u00df gr\u00f6\u00dfer&#8220;, denn Nazis ben\u00f6tigen die Shooter als Fieslinge. Durch die angeblich ben\u00f6tigten simplen Freund-Feind-Schemata und die verwendete Ikonografie w\u00fcrden, so der Schlu\u00df, diese Spiele die Weltkriege romantisieren. Kaiser Wilhlem II h\u00e4tte an diesen Spielen &#8222;seine helle Freude gehabt.<\/p>\n<p>Leider vermischt der Autor richtige Aussagen mit ziemlich absurdem Tinnef. Doch der Reihe nach:<\/p>\n<p>Das &#8222;Gesch\u00e4ft mit dem gespielten Krieg&#8220; sei erst mit dem Triumph der Nationalstaaten aufgekommen, hei\u00dft es da; und weiter: &#8222;Zwei Weltkriege und eine sexuelle Revolution sp\u00e4ter wurde der Kampf einer Nation gegen die andere als Rechtfertigung f\u00fcrs T\u00f6ten dann irgendwann unpopul\u00e4r.&#8220; Doch erstens ist dies eine sehr deutschzentrische Sichtweise (was hiesigen Journalisten noch halbwegs zu verzeihen ist &#8211; aber die behandelten Spiele kommen ja auch nicht aus Deutschland), und zweitens waren Krieg und Gewalt immer Teil des Spiels und werden es auch bleiben. Gewiss wurde w\u00e4hrend der wilhelminischen Zeit eine starke Militarisierung der Gesellschaft betrieben, doch dass der Kampf als Spiel erst damals aufkam ist eine zarte \u00dcbertreibung.<\/p>\n<p>St\u00f6cker geht dann auch gar nicht auf die naheliegende Frage ein, wann und warum dann pl\u00f6tzlich der Krieg als Spiel wieder hoff\u00e4hig geworden sei. Der Artikel suggeriert, dass dies erst durch die aktuellen Shooter der Fall sei &#8211; oder durch Computerspiele im Allgemeinen?<\/p>\n<p>St\u00f6ckers Kritik an den oftmals tumben Plots vieler Spiele ist leider nur zu berechtigt, und hier trifft er sicherlich die genannten Spiele auf korrekte Weise: Alien-Invasionen m\u00fcssen zur\u00fcckgeschlagen werden; die Feinde sind fies und m\u00e4chtig, der Spieler die letzte Hoffnung der Menschheit&#8230; Man k\u00f6nnte meinen, dass sich ausschlie\u00dflich 12j\u00e4hrige Jungs solche Plots ausdenken. Es ist zum Verzweifeln, zumal, wenn innovative Spielkonzepte (was <em>nicht<\/em> automatisch mit gewaltfrei gleichzusetzen ist) zwar von der Spielekritik gelobt, aber von den Spielern links liegen gelassen werden. St\u00f6cker nennt auch ein kontroverses Gegenbeispiel: GTA IV, ein durchaus gewaltreicher (wenn auch kein Kriegs-)Shooter, der mit einer halbwegs komplexen Geschichte und ebensolchen Charakteren aufweisen kann.<\/p>\n<p>Doch in einer seltsamen Volte l\u00e4\u00dft sich St\u00f6cker zu einer seltsamen Verallgemeinerung hinrei\u00dfen: &#8222;Man hat sich deshalb auf zwei Arten von Konsens-Feinden geeinigt: Es wird entweder gegen b\u00f6se Nazis gek\u00e4mpft (gute Shooter-Tradition seit &#8218;Castle Wolfenstein&#8216;) oder gegen b\u00f6se Aliens oder Monster (gute Shooter-Tradition seit &#8218;Doom&#8216;).&#8220; \u00a0Ja, Monster sind die perfekte Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr <em>das <\/em>B\u00f6se, und &#8222;Nazis&#8220; sind die perfekte Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr <em>das B\u00f6se im Menschen<\/em>. Aber wie viele Shooter gibt es, die weder Nazis noch Monster oder Aliens zum Inhalt haben? So werden einfach einige aktuelle SciFi-Shooter zusammengepackt und damit suggeriert, dies sei der Produktionsoutput einer ganzen Branche. &#8222;Ein tumber Plot braucht eine Welt, die so schwarz-wei\u00df ist wie &#8218;Der l\u00e4ngste Tag&#8216;.&#8220; Letzterer Film ist zwar nicht unbedingt mit der Ambivalenz aus &#8222;Saving Private Ryan&#8220; zu vergleichen, doch es g\u00e4be eine Vielzahl von wirklich schlechten Kriegsfilmen, die als illustratives Beispiel f\u00fcr diese an sich richtige Feststellung besser geeignet gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Doch kommen wir nun auf die Begr\u00fcndung zur Weltkriegsn\u00e4he: stets werde mit &#8222;Standard-Arsenalen&#8220; gek\u00e4mpft; St\u00f6cker meint damit Kleinwaffen. Nun, es handelt sich um <em>Ego Shooter <\/em>(bzw. FPS). Dies bedeutet zum einen, der Spieler durchstreift die virtuelle Umgebung aus der Ich-Perspektive mit den &#8222;Augen&#8220; der Spielfigur &#8211; und zum anderen, dass er die M\u00f6glichkeit zum Schie\u00dfen hat. Es ist keine Flug- oder Fahrzeugsimulation (diese gibt es ebenso), und auch wenn in der milit\u00e4rischen Realit\u00e4t schon lange Spezialistentum und hochkomplexe Systeme Einzug gehalten haben gibt es nach wie vor den Infanteristen. Ob dieser in den Spielszenarien jene hohe Bedeutung h\u00e4tte, sei dahingestellt, genauso, ob die Menschheit in Zukunft nicht viel effizientere Methoden entwickelt haben wird als kinetische Waffen. Doch St\u00f6cker kritisiert hier eines der zentralen Elemente eines Genres. Er k\u00f6nnte genauso gut monieren, alle Flugsimulationen s\u00e4hen gleich aus, und immer w\u00fcrde man mit irgendwelchen Flugger\u00e4ten herumfliegen. Das w\u00e4re zwar auch richtig, aber \u00e4hnlich hilfreich.<\/p>\n<p>Des weiteren verweist St\u00f6cker auf die Ikonografie jener Shooter, die aus derjenigen der Weltkriege ironiefrei gespeist w\u00fcrde. So korrekt sein Hinweis auf den eklatanten Mangel an Ironie ist &#8211; die N\u00e4he zu den Weltkriegen ist schon weit hergeholt. Eher muten die Alienkriege wie moderner Kampf im urbanen Gel\u00e4nde an (hier mag man auf die Kampfhandlungen aus &#8222;Star Wars&#8220; &amp; Co. verweisen, die zwar mit Energiewaffen gef\u00fchrt wurden, aber doch sehr konventionell und auf Infanterie gest\u00fctzt). Die einzige wirkliche visuelle N\u00e4he mag zwischen den Gasmasken aus dem Ersten Weltkrieg und den halbwegs albernen Masken der <em><a title=\"Killzone\" href=\"http:\/\/www.killzone.com\" target=\"_blank\">Killzone 2<\/a><\/em>-Fieslinge bestehen. Jene Masken haben gleich zwei Vorteile: sie sehen furchterregend aus und lassen zudem den Gegner hinter ihr verschwinden &#8211; auch ein Au\u00dferirdischer wird somit entmenschlicht; das (auch virtuelle) T\u00f6ten wird somit erleichtert.<\/p>\n<p>Ob die Welt wirklich einen Shooter mit &#8222;Kettens\u00e4gen-Bajonett&#8220; als Waffe ben\u00f6tigt, sei dahingestellt. Aber <a title=\"Bajonett (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bajonett\" target=\"_blank\">Bajonette<\/a> gab es zumindest seit dem 17. Jahrhundert, und noch 1982 im <a title=\"Falklandkrieg (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Falklandkrieg\" target=\"_blank\">Falkland-Krieg<\/a> wurde der Befehl &#8222;Fix bayonets!&#8220; ausgegeben, w\u00e4hrend f\u00fcr viele Einsatzarmeen ein Bajonett-(Nahkampf)training Teil der Ausbildung ist. Im Ersten Weltkrieg spielte das Bajonett jedenfalls eine deutlich kleinere Rolle als angenommen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch auf dieser visuellen Referenz gleich eine ganze Argumentation aufzubauen, die K\u00e4mpfe in den Shootern s\u00e4hen aus wie aus den Weltkriegen und w\u00fcrden diese romantisieren ist viel zu kurz gesprungen. A propos: worin besteht eigentlich die angebliche und im Titel angemahnte Romantisierung? Die besprochenen Spiele sind alles knallharte Shooter (und damit ausschlie\u00dflich f\u00fcr Erwachsene, was an dieser Stelle erw\u00e4hnt werden soll) &#8211; ein &#8222;lustiges Soldatenleben&#8220; kann nicht wirklich ausfindig gemacht werden.<\/p>\n<p>Schade, denn die Kritik an den oft zu simplen, ja geradezu d\u00e4mlichen Geschichten vieler Spiele ist berechtigt, vom Handlungsger\u00fcst bis zu den Charakteren. Mit solchen Polemiken wie derjenigen St\u00f6ckers wird sich eine \u00c4nderung jedoch nicht beschleunigen &#8211; vielmehr werden diejenigen in ihrer Ablehnung best\u00e4tigt werden, die schon immer wu\u00dften, wie verderbt und bl\u00f6dsinnig all diese Computerspiele nun einmal sind.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Christian St\u00f6cker schreibt im Spiegel online vom 23.2.2009 unter dem knalligen Titel &#8222;Alien-Schl\u00e4chter romantisieren die Weltkriege&#8220; \u00fcber aktuelle First-Person-Shooter (FPS). 68er-bewegt hei\u00dft es da, der Krieg im Kinderzimmer habe &#8222;zu Recht l\u00e4ngst keine Lobby mehr&#8220;, um wenige Zeilen sp\u00e4ter zu konstatieren: &#8222;Heute aber wird wieder mit Begeisterung Krieg gespielt.&#8220; Und so polemisiert es sich\u00a0fr\u00f6hlich &hellip; <a href=\"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=440\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWeltkriegs-Romantisierung durch Science-Fiction-Shooter? 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