{"id":552,"date":"2009-09-05T23:41:10","date_gmt":"2009-09-05T22:41:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=552"},"modified":"2009-12-11T18:28:32","modified_gmt":"2009-12-11T17:28:32","slug":"kathryn-bigelow-the-hurt-locker-todliches-kommandokathryn-bigelow-the-hurt-locker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/?p=552","title":{"rendered":"Kathryn Bigelow: The Hurt Locker (T\u00f6dliches Kommando)"},"content":{"rendered":"<p><a title=\"Kathryn Bigelow (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathryn_Bigelow\" target=\"_blank\">Kathryn Bigelows<\/a> neuer Film <a title=\"T\u00f6dliches Kommando\" href=\"http:\/\/www.toedliches-kommando.de\/\" target=\"_blank\">T\u00f6dliches Kommando<em> (The Hurt Locker)<\/em><\/a> ist m\u00f6glicherweise der \u00fcberzeugendste Versuch, Krieg als Droge zu erkl\u00e4ren, ohne ihn dabei zum Heldenepos verkommen zu lassen. So ganz nebenbei sorgen die exzellente Besetzung und die atmosph\u00e4risch dichte Inszenierung f\u00fcr den besten Film \u00fcber den modernen Krieg aus der Sicht des Soldaten im Einsatz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ngg_shortcode_0_placeholder<!--more--><\/p>\n<p>Der Film beginnt mit einem Zitat des hierzulande leider nahezu unbekannten Autoren <a title=\"Chris Hedges (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Chris_Hedges\" target=\"_blank\">Chris Hedges<\/a> (<em>War Is a Force that Gives Us Meaning<\/em>, 2002): \u201eDer Rausch der Schlacht ist h\u00e4ufig eine starke und t\u00f6dliche Sucht, denn Krieg ist eine Droge.\u201c<sup class='footnote'><a href='#fn-552-1' id='fnref-552-1' onclick='return fdfootnote_show(552)'>1<\/a><\/sup> Inhaltlich oszilliert das Werk zwischen den Eins\u00e4tzen eines Bombenentsch\u00e4rfungsteams (EOD)<sup class='footnote'><a href='#fn-552-2' id='fnref-552-2' onclick='return fdfootnote_show(552)'>2<\/a><\/sup> im Irak und ihrem dr\u00f6gen Leben im St\u00fctzpunkt: die zahlreicher werdenden <a title=\"IEDs (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Unkonventionelle_Spreng-_und_Brandvorrichtung\" target=\"_blank\">Sprengfallen (IEDs)<\/a><sup class='footnote'><a href='#fn-552-3' id='fnref-552-3' onclick='return fdfootnote_show(552)'>3<\/a><\/sup>\u00a0zu entsch\u00e4rfen ist eine heikle und oft t\u00f6dliche Arbeit. 38 Tage hat die B(ravo)-Kompanie noch bis zur Abl\u00f6sung, und wie ein unseliger Countdown verringert sich die Zahl im Laufe der 124 Minuten des Films. Bigelow vermag es dabei, die Spannung im Verlauf anzuziehen, was durch die Zwischensequenzen nur verst\u00e4rkt wird, zumal sie inhaltlich keine blo\u00dfen F\u00fcllsel darstellen. Die Handlung ist realistisch und packend; und selbst die Explosionen entsprechen dem Wunsch der Regisseurin, nicht einfach die genretypischen pittoresken \u201eFeuerwerke\u201c abbrennen zu lassen. Action wird hierbei erfreulicherweise als ein Element der atmosph\u00e4rischen Dichte und der realistischen Sichtweise verstanden und angewandt, im Gegensatz zum aktuellen Blockbusterkino, in dem die Dramaturgie den Special Effects klar untergeordnet wird.<\/p>\n<p>Der Blickpunkt des Zuschauers ist der des Soldaten. Dementsprechend spielen Handkameras eine gro\u00dfe Rolle, angenehmerweise ohne nerviges \u201eHerumr\u00fchren\u201c mit der Kamera oder anderweitigen stilistischen Firlefanz. Immer wieder wird auch die Ego-Perspektive gew\u00e4hlt, etwa durch das Panzerglas jenes dicken Schutzanzugs, der aus den Soldaten eine Kreuzung aus Astronaut und Michelinm\u00e4nnchen macht, verst\u00e4rkt durch das schwere Atmen des ihn tragenden Soldaten \u2013 denn die sowieso schon hohen Temperaturen steigen somit auf unertr\u00e4gliches Niveau. Fast f\u00fchlt man den Schwei\u00df in B\u00e4chen herabrinnen. Doch der Schutz ist ein relativer \u2013 gleich zu Beginn kann sich ein Entsch\u00e4rfungsexperte (<a title=\"Guy Pearce (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guy_Pearce\" target=\"_blank\">Guy Pearce<\/a>) nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen und findet den Tod.<\/p>\n<p>Bigelow findet immer wieder beeindruckende Bilder f\u00fcr die Atmosph\u00e4re eines Landes im dauerhaften Ausnahmezustand: eine d\u00fcrre Katze hinkt eine Stra\u00dfe entlang; Bedrohung, Unsicherheit, Angst bestimmen den Kontakt zwischen Besatzern und einheimischer Bev\u00f6lkerung, zwischen denen fast immer die zumindest in <a title=\"Low Ready (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anschlag_(Waffe)#Bereitschaftspositionen\" target=\"_blank\">\u201e<em>low ready\u201c<\/em>-Position<\/a> gezogene Waffe steht. Die Paranoia ist eine gegenseitige. Die Aufgabe, die \u201eHerzen und Hirne\u201c zu gewinnen, wird zu Farce: will der Iraki, der den Soldaten in angespannter Situation in gebrochenem Englisch nach dessen Herkunft anspricht (\u201eWhere you from? You from California?\u201c), tats\u00e4chlich mit ihm in Kontakt treten und mehr \u00fcber die Menschen in den Uniformen erfahren, die seinen Alltag bestimmen? Will er Almosen absch\u00f6pfen? Oder will er den Soldaten ablenken, gar in eine Falle locken? Der Soldat kann sich eine Ablenkung jedenfalls nicht leisten und scheucht den Mann fort.<\/p>\n<p>Best\u00e4ndig \u00fcberfliegen Helikopter und Kampfjets die Stadt, die Stimmung ist angespannt. Was macht dies mit einer Bev\u00f6lkerung? Ein Taxifahrer wird verhaftet \u2013 er hielt bei einer Kontrolle nicht an. Erst nachdem seine Scheibe eingeschossen wurde und mit einer Waffe auf ihn gezielt wird, setzt er langsam zur\u00fcck. War er ein Widerst\u00e4ndler, oder begr\u00fcndete sich seine Reaktion auf Angst oder passivem Widerstand? Ein Soldat meint nach seiner r\u00fcden Verhaftung: \u201eWenn er kein Aufst\u00e4ndischer war, ist er es verdammt noch mal jetzt.\u201c Diese Frage bleibt zentral und unabh\u00e4ngig von Alter und Geschlecht: wer ist ein gegnerischer K\u00e4mpfer, und wer ein \u201eanst\u00e4ndiger B\u00fcrger\u201c, deren Schutz der Auftrag der Soldaten ist?<\/p>\n<p>In einer anderen Szene werden die Soldaten von einem Zivilisten auf einem Hausdach gefilmt: \u201eEr bringt mich auf YouTube\u201c kommentiert einer der Soldaten. Handelt es sich um einen Journalisten und seinen berechtigten Informationsanspruch, oder um einen Schaulustigen \u2013 oder gar um einen Aufst\u00e4ndischen, der die geplante Tat live filmen will? Letzteres wird wahrscheinlicher \u2013 aber welche Folgerungen geben sich hieraus f\u00fcr die Soldaten?<em><\/em><\/p>\n<p>Die Anspielungen auf die aktuelle milit\u00e4rische Realit\u00e4t gegen\u00fcber althergebrachten Mitteln (die Michael Forster von <a title=\"Geopowers\" href=\"http:\/\/www.geopowers.com\" target=\"_blank\">Geopowers<\/a> gern den \u201eKampf mit verbundenen Augen\u201c nennt<sup class='footnote'><a href='#fn-552-4' id='fnref-552-4' onclick='return fdfootnote_show(552)'>4<\/a><\/sup>) sind zahllos: So fragt der \u201eNeue\u201c nach Eintreffen: \u201eViele Panzer gibt\u2019s hier. Kommen denn die Russen?\u201c Denn in der Tat sind solch schwere Waffen f\u00fcr <a title=\"MOUT (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/MOUT\" target=\"_blank\">H\u00e4userkampf<\/a>\u00a0(MOUT)<sup class='footnote'><a href='#fn-552-5' id='fnref-552-5' onclick='return fdfootnote_show(552)'>5<\/a><\/sup>\u00a0im bewohnten Gebiet oder <a title=\"Peacekeeping (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedensmission\" target=\"_blank\">Stabilisierungsoperationen<\/a> gegen einen nicht-milit\u00e4rischen Gegner nur bedingt geeignet.<\/p>\n<p>Auch die \u00d6ffentlichkeitsarbeit bekommt ihr Fett weg: Der St\u00fctzpunkt sei vor zwei Wochen von <em>\u201eCamp Liberty\u201c<\/em> in <em>\u201eCamp Victory\u201c<\/em> umbenannt worden: \u201eSie denken, es h\u00f6rt sich besser an\u201c, wird der fragende Neuank\u00f6mmling beschieden. <em>\u201eBe all you can be\u201c &#8211; <\/em>\u201eSei alles, was Du sein kannst\u201c lautet ein Werbespruch der US-Streitkr\u00e4fte \u2013 doch, so der an sich und seinem Einsatz zweifelnde Specialist Owen Eldridge (<a title=\"Brian Geraghty (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brian_Geraghty\">Brian Geraghty<\/a>) zu seinem Truppenpsychologen, \u201ewas, wenn ich nur tot am Rand einer irakischen Stra\u00dfe liegen kann? Ich glaub, dass ich das am ehesten sein kann.\u201d Der Psychologe hat hierf\u00fcr nur wenig hilfreiche Allgemeinpl\u00e4tze \u00fcbrig: \u201eDas hier ist Krieg. Es m\u00fcssen jeden Tag Leute sterben.\u201c F\u00fcr Eldridge ist die Folgerung klar: \u201eWarum nicht ich?\u201c Denn sein Kamerad mu\u00dfte letztens sterben \u2013 h\u00e4tte Eldridge nicht besser sichern k\u00f6nnen? Das Hadern mit der eigenen Schuld kann ihm niemand nehmen.<\/p>\n<p><a title=\"Mark Boal (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Boal\" target=\"_blank\">Mark Boal<\/a>, Co-Autor des Drehbuchs (dessen wahre Geschichte \u201eDeath and Dishonour\u201c auch das Drehbuch f\u00fcr den gro\u00dfartigen Film <a title=\"Im Tal von Elah (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Im_Tal_von_Elah\" target=\"_blank\">\u201eIm Tal von Elah\u201c<\/a>\u00a0<em>(In the Valley of Elah) <\/em>bildete) war 2004 als <a title=\"Embedded Journalist (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Embedded_journalist\" target=\"_blank\">eingebetteter Journalist<\/a> bei einem EOD-Team in Bagdad. Seine Erlebnisse verarbeitete er zu diesem packenden Skript. Ihm waren insbesondere die psychologischen Faktoren f\u00fcr Menschen im Krieg wichtig: \u201eWenn man die politischen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Krieg beiseite l\u00e4\u00dft und ebenso die wirtschaftlichen, so bleibt eine psychologische Komponente, warum M\u00e4nner k\u00e4mpfen und insbesondere Sgt. James ist ein Charakter, der nahezu abh\u00e4ngig vom Kampf ist.\u201c<\/p>\n<p>Viele Streitkr\u00e4fte basieren zunehmend oder ausschlie\u00dflich auf <a title=\"Berufsarmee\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berufsarmee\" target=\"_blank\">Freiwilligen<\/a>. Auch f\u00fcr die <a title=\"Wehrpflicht (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wehrpflicht\" target=\"_blank\">Wehrpflichtarmeen<\/a> hat sich die Situation seit 20 Jahren grundlegend ge\u00e4ndert: die direkte Verteidigung des Heimatlandes ist dem Kampf gegen eine komplexe und konfuse Bedrohung gewichen. Was sind die Motivationen f\u00fcr Menschen, sich hierf\u00fcr zu melden? <em>The Hurt Locker<\/em> bedient nicht die einfachen Erkl\u00e4rungsmuster, die gern Geldgier, Abenteuerlust und Naivit\u00e4t unterstellen. Vielmehr kann der Kampf auch eine weitere, nicht selten verschwiegene Komponente besitzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Hauptcharaktere ist Krieg der Lebensinhalt, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise: Sergeant J.T. Sanborn (<a title=\"Anthony Mackie (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Anthony_Mackie\" target=\"_blank\">Anthony Mackie<\/a>) ist ein professioneller, abgekl\u00e4rter Soldat, f\u00fcr den Weisungen und Richtlinien klare und einzuhaltende Vorgaben sind. In seiner Herangehensweise \u2013 nicht zuletzt als Teamplayer \u2013 stellt er im Prinzip einen Idealtypus f\u00fcr einen modernen K\u00e4mpfer dar.<\/p>\n<p>Sein Antipode ist der neue Entsch\u00e4rfungsspezialist Staff Sergeant William James (<a title=\"Jeremy Renner (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jeremy_Renner\" target=\"_blank\">Jeremy Renner<\/a>), ein klassischer heroischer K\u00e4mpfer, der sich einen feuchten Dreck um Teambuilding oder Befehle schert, sobald diese seinen Zielen seiner Einsch\u00e4tzung nach zuwiderlaufen. Passenderweise wird gleich der erste Einsatz im Stil eines Western-Showdowns gefilmt, und so cowboyhaft tritt James auch immer wieder auf: Er wirft eine Rauchbombe, um den Gegner zu verwirren, doch noch verwirrter scheinen seine Mitstreiter zu sein, die ihn nicht mehr sehen k\u00f6nnen. Mit dem markigen Spruch \u201eWenn ich schon sterbe, will ich\u2019s bequem haben\u201c legt er seinen Schutzanzug ab, als ihn dieser behindert. Er unterbricht die Kommunikation mit seinen Kameraden, wenn ihn diese st\u00f6rt und widersetzt sich auch dem Befehl, eine komplizierte Entsch\u00e4rfung abzubrechen, besessen davon, es doch noch zu schaffen. F\u00fcr all das wird er bewundert, sei es von einem Jungen, mit dem er sich anfreundet (\u201eDas ist gangsterm\u00e4\u00dfig, das ist cool!\u201c), sei es von einem ihm unbekannten Oberst, der ihn nach der besten Methode fragt, \u201eso ein beschissenes Ding zu entsch\u00e4rfen\u201c. Seine Antwort h\u00e4tte auch ein Sheriff geben k\u00f6nnen: \u201eSo, dass man nicht stirbt, Sir.\u201c<\/p>\n<p>Geplant als gro\u00dfe Hollywood-Produktion mit entsprechenden Stars war es eher ein Gl\u00fcck f\u00fcr den Film, dass unverbrauchte Gesichter (und schon gar nicht die \u201e\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen\u201c f\u00fcr solche Produktionen)<sup class='footnote'><a href='#fn-552-6' id='fnref-552-6' onclick='return fdfootnote_show(552)'>6<\/a><\/sup> die Besetzung bestimmen. <a title=\"Ralph Fiennes (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ralph_Fiennes\" target=\"_blank\">Ralph Fiennes<\/a> stellt seine Wandelbarkeit erneut in einer wichtigen Nebenrolle unter Beweis: als b\u00e4rtiger Anf\u00fchrer eines <a title=\"S\u00f6ldner (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%B6ldner\" target=\"_blank\">S\u00f6ldnerteams<\/a>, das mit gefangenen Verd\u00e4chtigen in der W\u00fcste unterwegs ist und bei einer Panne auf das EOD-Team trifft. Auch jene Situation ist bezeichnend f\u00fcr die neue sicherheitspolitische Realit\u00e4t: zivile \u201eAuftragnehmer\u201c \u00fcbernehmen staatliche Aufgaben, schwer bewaffnet, ohne hoheitliche Uniform, mit diffusem Auftrag und ohne Kontrolle. Als die Gruppe unter Feuer ger\u00e4t, erschie\u00dft einer der S\u00f6ldner die beiden fl\u00fcchtenden Gefangenen, gleichwohl er dabei selbst ein gutes Ziel abgibt; den \u201eErfolg\u201c markiert ein zufriedenes Gesicht.<\/p>\n<p>Das sich daraufhin entwickelnde <a title=\"Scharfsch\u00fctze (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scharfsch%C3%BCtze\" target=\"_blank\">Scharfsch\u00fctzenduell<\/a> ist einer der H\u00f6hepunkte des Films und kann auch als neue Benchmark f\u00fcr Sequenzen aus der Scharfsch\u00fctzenperspektive gelten: langsam n\u00e4hern sich die Kontrahenten an, die Anspannung ist unmittelbar, und all das ohne Effekthascherei, hastige Schnitte, peitschende Musik oder heroisierende Shooter-Fantasien. Die durch die flirrende Hitze verschwommene Sicht kann als Bild f\u00fcr all die Unsch\u00e4rfen gelten: zwischen Zivilisten und Aufst\u00e4ndischen, zwischen Gut und B\u00f6se, zwischen Sinn und Sinnentleerung. Wie auch in einigen anderen Szenen wird hier eine Hochgeschwindigkeitskamera eingesetzt: als die H\u00fclse der letztendlich t\u00f6dlichen Patrone herabf\u00e4llt, scheint sie auf dem Sand fast zu tanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ngg_shortcode_1_placeholder<\/p>\n<p>Nach dem neuerlichen \u00dcberleben sitzt man abends zusammen und trinkt. Sgt. James bewahrt in einer Kiste unter seinem Bett Dinge auf, die ihn fast get\u00f6tet h\u00e4tten: diverse Z\u00fcnder und andere Bestandteile mancher der 873 Bomben, die er bereits entsch\u00e4rft hatte \u2013 sowie seinen Ehering. Immer wieder ruft er bei seiner Frau in der Heimat an, von der er irgendwie getrennt ist, und irgendwie auch nicht. Doch als sie ans Telefon geht, vermag er nicht zu reden.<\/p>\n<p>Ganz klischeefrei ist auch <em>The Hurt Locker <\/em>nicht. Als der nach wie vor kriegsbegeisterte Colonel Reed beschlie\u00dft, das Team zu begleiten, wei\u00df man, dass dies nicht gut ausgehen wird. Sein Softie-Ansatz, die \u201eHerzen und Hirne\u201c zu gewinnen, ist zum Scheitern verurteilt \u2013 und von ihm selbst bleibt nicht viel \u00fcbrig. Zumindest eine der zahlreichen, oft mit einfachen Mitteln gebauten, aber sehr trickreich konzipierten Bomben entspricht dem Filmprototyp: Sprengstoff, viele Kabel, dazu ein Zeitz\u00fcnder mit Digitalanzeige, und das alles auf einem Unschuldigen montiert, der um sein Leben bettelt. James versucht sein Bestes \u2013 und scheitert letztendlich doch, nun wieder kontr\u00e4r zu den \u00fcblichen Klischees.<\/p>\n<p>In all dem Schrecken gibt es f\u00fcr James nur eine menschliche Beziehung: zu \u201eBeckham\u201c, einem irakischen Jungen, der raubkopierte DVDs an die Soldaten verkauft und mit dem er Fu\u00dfball spielt. Als die Soldaten in einer \u201eFabrik\u201c f\u00fcr IEDs einen toten Jungen entdecken, in dessen Bauch eine Bombe platziert wurde, \u00fcberkommt James die Wut. Nach Dienstschluss l\u00e4\u00dft er sich vom H\u00e4ndler, f\u00fcr den der Junge arbeitete, zu dessen Eltern fahren. Dort steigt er in die Wohnung \u2013 und vielleicht wird ihm erst dann klar, dass er gar nicht wei\u00df, was er hier eigentlich will. Der Vater, ein Professor, l\u00e4dt ihn in flie\u00dfendem Englisch ein zu bleiben, die Mutter wirft ihn schreiend heraus und beendet somit diese absurde Situation. Zur\u00fcck im St\u00fctzpunkt wird er genauso schlecht und misstrauisch behandelt wie die irakische Bev\u00f6lkerung, denn es kann einfach nicht sein, dass ein US-Soldat in Zivilkleidung nachts durch die Stadt l\u00e4uft, ob mit Truppenausweis versehen oder nicht.<\/p>\n<p>Verabschiedet von Kindern, die Steine auf den <a title=\"HUMVEE (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humvee\" target=\"_blank\">Humvee<\/a> werfen, kehrt Sgt. James am Ende nach Hause zur\u00fcck und landet in einem geradezu bizarren Paralleluniversum: in einem sauberen, gek\u00fchlten Supermarkt erlebt er Waren\u00fcberfluss und kann sich nicht zwischen all den angebotenen Fr\u00fchst\u00fccksflocken entscheiden. Schlie\u00dflich versucht er, sich seiner Frau (<a title=\"Evangeline Lilly (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Evangeline_Lilly\" target=\"_blank\">Evangeline Lilly<\/a>) zu erkl\u00e4ren und erz\u00e4hlt von seinem Einsatz \u2013 doch unger\u00fchrt fragt sie ihn, ob er das Gem\u00fcse schneiden k\u00f6nne. Es ist, als ob sein anderes Ich, sein Dasein als K\u00e4mpfer in jener zivilen Heimatwelt nicht existiert, ausgeblendet bleibt. So verwundert das Schlussbild nicht, in dem James wieder im Irak ankommt: 365 Tage bis zur Rotation der D(elta)-Kompanie\u2026 Wo sonst k\u00f6nnte er leben?<\/p>\n<p>Der schr\u00e4ge Soundtrack von <a title=\"Marco Beltrami (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marco_Beltrami\" target=\"_blank\">Marco Beltrami<\/a> (der nicht zuletzt auch f\u00fcr die Musik zu <em><a title=\"3:10 to Yuma (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Todeszug_nach_Yuma\" target=\"_blank\">\u201e3:10 to Yuma\u201c<\/a><\/em> und <em>\u00a0<a title=\"In the Electric Mist (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/In_the_Electric_Mist\" target=\"_blank\">\u201eIn the Electric Mist\u201c<\/a><\/em> verantwortlich zeichnet) unterst\u00fctzt die Atmosph\u00e4re, weitab \u00fcblicher Soundklischees. So bleibt die dr\u00f6hnende Heavy-Metal-Musik beschr\u00e4nkt auf die Freizeitgestaltung der Soldaten in der Kaserne.<\/p>\n<p>Im Vergleich zum sperrigen und vielschichtigen Original weckt der deutsche Titel \u201eT\u00f6dliches Kommando\u201c leider starke Assoziationen in Richtung Action-B-Movie. Entsprechend entt\u00e4uscht wird das hiervon angezogene und somit fehlgeleitete Dumpfbacken-Publikum reagieren, in der freudigen Erwartung auf einen Kawumm-Film mit umherfliegenden Helden und lustig-bunten Explosionen, w\u00e4hrend das eigentliche Zielgruppenpublikum eher abgesto\u00dfen werden wird.<\/p>\n<p>Kathryn Bigelow ist ein so kluger wie spannender Film \u00fcber den modernen Krieg und seine Akteure gelungen, der durchaus als Oscar-Anw\u00e4rter gelten d\u00fcrfte, auch wenn ihm kein gro\u00dfer Verleih und ein entsprechendes Budget verg\u00f6nnt war. Bigelow is back.<\/p>\n<p>Deutscher Filmstart: 13.08.2009<br \/>\nFreigegeben ab 16 Jahren<\/p>\n<p><strong>Weitere Links:<br \/>\n<\/strong><a title=\"The Hurt Locker\" href=\"http:\/\/thehurtlocker-movie.com\/\" target=\"_blank\">The Hurt Locker (offizielle engl. Website)<\/a><br \/>\n<a title=\"T\u00f6dliches Kommando\" href=\"http:\/\/www.toedliches-kommando.de\/\" target=\"_blank\">T\u00f6dliches Kommando (offizielle dt. Website)<\/a><br \/>\n<a title=\"The Hurt Locker (IMDB)\" href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0887912\/\" target=\"_blank\">The Hurt Locker (IMDB-Eintrag)<\/a><\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-552'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-552-1'> \u201eThe rush of battle is often a potent and lethal addiction, for war is a drug.\u201c <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-552-2'> <em>Explosive Ordnance Disposal<\/em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-552-3'> <em>Improvised Explosive Device<\/em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-552-4'> F\u00fcr die Nicht-Milit\u00e4rs: das <a title=\"Gefecht der verbundenen Waffen (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gefecht_der_verbundenen_Waffen\" target=\"_blank\">\u201eGefecht der verbundenen Waffen\u201c<\/a> war eines der Paradigmen des <a title=\"Kalter Krieg (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalter_Krieg\" target=\"_blank\">Kalten Krieges<\/a>; schicker hei\u00dft dies neudeutsch <em><a title=\"Joint Warfare (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Joint_warfare\" target=\"_blank\">\u201ejoint warfare\u201c<\/a>\/\u201cjoint operations\u201c<\/em>. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-552-5'>\u00a0<em>Military Operations in Urban Terrain<\/em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-552-6'> In diesem Fall waren <a title=\"Colin Farrell (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Colin_Farrell\" target=\"_blank\">Colin Farrell<\/a>, <a title=\"Willem Dafoe (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Willem_Dafoe\" target=\"_blank\">Willem Dafoe<\/a> und <a title=\"Charlize Theron (Wikipedia)\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charlize_Theron\" target=\"_blank\">Charlize Theron<\/a> vorgesehen <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-552-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kathryn Bigelows neuer Film T\u00f6dliches Kommando (The Hurt Locker) ist m\u00f6glicherweise der \u00fcberzeugendste Versuch, Krieg als Droge zu erkl\u00e4ren, ohne ihn dabei zum Heldenepos verkommen zu lassen. So ganz nebenbei sorgen die exzellente Besetzung und die atmosph\u00e4risch dichte Inszenierung f\u00fcr den besten Film \u00fcber den modernen Krieg aus der Sicht des Soldaten im Einsatz.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[18],"tags":[47,66,72],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/552"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=552"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/552\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":554,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/552\/revisions\/554"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=552"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=552"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wartist.org\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=552"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}