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grounded/airborne (Kleine Galerie, Torgau)

Samstag, 25. Januar 2014, 2110h Einen Kommentar schreiben Kommentare

Im Regelfall wird auf wartist.org über Ausstellungen anderer Künstler, über Filme, Galerien und Museen berichtet. Heute ist es uns eine Freude, in eigener Sache zu schreiben: Der am Lette-Verein Berlin ausgebildete Fotograf Martin Bayer präsentiert vom 28. Februar bis 10. April 2014 seine Ausstellung grounded/airborne in der Kleinen Galerie des Torgauer Kunst- und Kulturvereins „Johann Kentmann“ e.V. Die Fotografien aus der Serie grounded zeigen Details ausgemusterter Militärflugzeug und werden durch einige Luftaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg historisch kommentiert. Mit grounded bearbeitet er die mediale wie künstlerische Ästhetisierung von Kriegsgerät, während gleichzeitig eine eindeutige Zuordnung der dargestellten Objekte zu historischen Ereignissen aufgelöst wird, und mit ihr vermeintlich einfache Kategorisierungen in „Freund“ und „Feind“.

grounded ist eine seit 2011 erstellte Serie von Fotografien ausgemusterter Militärflugzeuge. Im Gegensatz zu musealen Aufnahmen oder Erinnerungsschnappschüssen fällt es schwer, den historischen Kontext eindeutig zu erschließen. Hoheitszeichen sind keine ersichtlich: Zu welcher Streitmacht gehörten die Flugzeuge einst? Wer waren die „Freunde“, wer die „Feinde“? Handelte es sich um „Angreifer“ oder um „Verteidiger“? Die gewählten Aus­schnitte lösen die Fluggeräte auch von ihrem Einsatzzeitraum: sie könnten aufgrund ihrer Formgebung und der Bewaffnung mit Maschinenkanonen während des Zweiten Weltkrieges zum Einsatz gekommen sein, genauso wie in späteren Dekaden.

Der Betrachter wird somit aufgefordert, selbst einen Kontext zu erstellen, die eigene Erinnerung an frühere Zeiten sowie an vergangene Kriege wachzurufen: Ost-West-Konfrontation im Kalten Krieg, Korea, Vietnam, bis hin zu den Kriegen beim Zerfall Jugoslawiens und in der Golfregion. Hierbei wird auch eine Brücke zur Gegenwart geschlagen, denn ähnliche Maschinen setz(t)en auch die Despoten im Norden Afrikas und im Mittleren Osten ein, und wer denkt bei Luftangriffen nicht auch an den langjährigen Krieg in Afghanistan? Letzt­endlich ver­änderte sich der militärische Einsatz von Kampfflugzeugen seit 1911 vor allem durch technische Parameter, die Reichweite, Geschwindigkeit, Bombenlast, Zielerfassung und andere Aspekte bestimmen – das schreckliche Erlebnis, bombardiert zu werden, bleibt unverändert, ob für Soldaten oder Zivilisten.

Nicht zuletzt greift grounded auch die Ästhetisierung von Waffentechnologie auf, wie sie seit jeher von den Medien und ebenso von der Kunst betrieben wird: Die Kampfflugzeuge, ihrer unmittel­baren zerstörerischen Bedeutung enthoben, wirken eher wie Skulpturen, umgeben von ihrer glatten, genieteten Haut. Technologie war immer schon ein Fetisch. Aus dem alten Menschheitstraum vom Fliegen wurde wenige Jahre nach dem ersten Abheben vom Erdboden ein Mittel zur Durchsetzung militärischer Ziele, zur entgrenzten Machtprojektion. Zivilisten wurden zum primären Ziel einer Doktrin, die einst dazu dienen sollte, das Leiden zu verkürzen.

Die Arbeiten der Serie grounded werden durch historische Luftaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg kommentiert. Vor 100 Jahren begann einer der furchtbarsten Kriege der Menschheit: Millionen von Soldaten und Zivilisten kamen dabei weltweit um, weitere Millionen wurden verwundet und traumatisiert. Die Bedeutung der Luftfahrt für die Aufklärung und Artilleriebeobachtung wurde schnell erkannt; bald darauf wurden von den Piloten erst „Fliegerpfeile“, dann Granaten und schließlich Bomben auf „Ziele“ am Boden abgeworfen. Die Eroberung des Luftraums wurde schnell zur Nemesis für die auf der Erde zurückgebliebenen Menschen.

Was bleibt vom Krieg? Zernarbte Landschaften, versehrte Körper und Seelen, Traumata. All dies lässt sich nicht vergessen und schon gar nicht verdrängen. Aktive Erinnerungsarbeit führt immer zur Gegenwart und mit ihr zur Zukunft – einer Zukunft, die hoffentlich versucht, aus der Vergangenheit zu lernen. grounded/airborne ist hiervon ein Teil.

grounded/airborne
28. Februar bis 10. April 2014
Di-Fr 1000-1700h, So 1400-1700h und nach Vereinbarung
Vernissage: 28. Februar 2014, 1900h

Kleine Galerie
Torgauer Kunst- und Kulturverein „Johann Kentmann“ e.V.
Schlossstr. 11
04860 Torgau

  1. Astrid Böddener
    9. April 2014, 22:40 | #1

    Beeindruckende Bilder, stilistisch umwerfend und wie ich heute Abend beim Vortrag hören konnte, auch perfekt eingebettet in die hist.-phil. Zusammenhänge. Chapeau!
    Das geht alles sehr tief.

  2. 10. April 2014, 18:40 | #2

    Herzlichen Dank für Ihren mehr als freundlichen Kommentar und nicht zuletzt für Ihr Kommen zur Finissage.

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