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Medienkunstfestival „transmediale.11“ (Berlin)

Freitag, 28. Januar 2011, 1234h Einen Kommentar schreiben Kommentare

Das Medienkunstfestival transmediale wurde 1988 unter dem Namen „VideoFilmFest“ im Umfeld des Filmfestivals Berlinale gegründet; seit 1998 firmiert es unter dem aktuellen Namen. Neben einem Kongress beinhaltet das Festival einen offenen Wettbewerb, eine Ausstellung und zahlreiche Begleitveranstaltungen. Das diesjährige Thema lautet „RESPONSE:ABILITY“. Auch 2011 setzen sich diverse Arbeiten mit Krieg auseinander.

Aesthetics of Disappearance von Jananne Al-Anis (2010)

Jananne Al-Anis drehte ihr fünfzehnminütiges Video „Aesthetics of Disappearance“ 2010 im Süden Jordaniens. Es untersucht das Verschwinden des Körpers in realen und imaginierten Landschaften der Region. Der Film betrachtet einerseits die Geschichte und zeigt andererseits Rinderfarmen und Militärinstallationen, alles Teile des heutigen Jordaniens. Jananne Al-Ani (* 1966) studierte Kunst an der Byam Shaw School of Art und erhielt einen MA in Fotografie vom Royal College of Art in 1997. Unter anderem hatte sie bereits eine Einzelausstellung im Imperial War Museum. Das Video wird als Teil der Arab Shorts am 3. Februar um 1830h gezeigt.

Der US-amerikanische Experimentalfilmer Dominic Angerame (* 1949) zeigt seine Videoarbeit „Anaconda Targets“. Bei dem elfminütigen Film aus dem Jahr 2004 handelt es sich um geschnittene Aufnahmen aus einem Kampfhubschrauber, der im März 2002 an der Operation Anaconda im Rahmen des Afghanistan-Krieges teilnahm. Zu hören sind Stimmen der Piloten; Ziele werden zugewiesen und angegriffen. Auf der Website des transmediale heißt es hierzu: „Man fragt sich, ob es sich wirklich um militärische Überwachungsbilder handelt oder eher um ein Videospiel? Diese unausweichlichen Klischees führen zu schockierenden Irritationen.“ Nun, oder auch nicht, bedenkt man, dass im Jahr 2011 auf YouTube und anderen Websites Videos von Zielsystemen zuhauf zu finden sind. „Anaconda Targets“ wird jedenfalls als Teil der Man & Machine-Kurzfilme am 6. Februar um 1830h gezeigt.

Anaconda Targets von Dominic Angerame (2004)

ClassWargames zeigt das Brettspiel The Game of War des französischen Künstlers Guy Debord (1931-1994). Richard Barbrook, Stefan Lutschinger und Ilze Black geben ein Einführung in den ClassWargames-Film über die ludischen Experimente Debords. Im Anschluß an den Film sollen Bedeutung und Verständnis Situationistischer Theorie und Praxis anhand des gemeinsamen Spielens von The Game of War diskutiert werden. Laut Debord sollen die Spieler (aka „revolutionäre Aktivisten“) am militärischen Modell lernen, gute Klassenkämpfer zu werden.

Jener militaristische Ansatz ist natürlich doch keiner, folgt man den Protagonisten: „In dem situationistischen Kriegsspiel stimulierte die Konkurrenzsituation im Spiel die psychologische Intimität zwischen den Geschlechtern. Zu gewinnen wie zu verlieren wurden zu gleichsam befriedigenden Erlebnissen. Indem Solidarität im Spiel belohnt wird, wird The Game of War zu einem Werkzeug der Anti-Militarisierung unserer revolutionären Kämpfe.“1

Auf ähnlich abstruse Weise wird mit dem militärischen Erbe umgegangen, heißt es doch in dem Film: „Es überrascht nicht, dass die Lektionen des Game of War bereits vom Klassenfeind übernommen worden sind, sei es in den Vorstandsbüros der Großunternehmen oder in den Planungszentralen der einen oder anderen Militärorganisation. Aber wir wissen, dass es das Wesen des Kapitalismus‘ ist, unsere besten Beiträge zum menschlichen Fortschritt zu übernehmen, um sie in Waffen gegen uns zu verwandeln.“1

Carl von Clausewitz ein Klassenkämpfer? Antoine-Henri Jomini ein Kommunist, pardon, Situationalist? Beide werden jedenfalls ausgiebigst zitiert und sorgen mit anderen Militärtheoretikern für die geistreichen Momente des Films. Das Spiel selbst erinnert doch sehr an eine etwas plumpe Kopie früher militärischer Lernspiele, z.B. das „Taktische Kriegsspiel“ des preußischen Kriegsrats Georg Leopold von Reiswitz aus dem Jahr 1812. Hier wie dort finden sich Artillerie-, Kavallerie- und Infanterieeinheiten – all das, was man für einen revolutionären Kampf gegen den Klassenfeind im Cyberspace eben so benötigt. Horrido!

Am 7. Februar 2011 ab 1900h wird der besagte Film vorgeführt und anschließend mit den noch verbliebenen Teilnehmern/innen The Game of War gespielt.

The Game of War von ClassWarGames

Das Kurzfilmsegment „Inner Wars“ zeigt am 3. Februar 2011 um 1830h mehrere interessante Arbeiten: Der deutsch-norwegische Videokünstler Bjørn Melhus (* 1966) präsentiert seine knapp vierminütige Arbeit „Murphy“. In dieser synchronisierten Klang- und Lichtinstallation kombinierte der Künstler Licht mit Tonspurelementen des Films „Blue Thunder“ (dt. „Das fliegende Auge“). In ihm stellt sich der Polizist und Vietnamveteran Frank Murphy (Roy Scheider) gegen eine Verschwörung: der Himmel über Los Angeles wird zu einem Kriegsgebiet. Auf Melhus‘ Website findet sich eine kurze Sequenz dieser durchaus faszinierenden Arbeit.

Ebenfalls im Segment „Inner Wars“ ist eine Arbeit der japanischen Künstlerin Tomoko Inagaki (*1975) aus dem Jahr 2009 zu sehen. Sie verweist mit ihrem dreiminütigen Film „Sakura (Cherry Blossom)“ auf ein wichtiges japanisches Symbol, die Kirschblüte. Die Kirschblüte steht für Schönheit und die Feier des Frühlings. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs bekam dieses Bild eine weitere Bedeutung, die des tapferen Soldaten, denn sie erblüht und zerfällt zur gleichen Zeit. Die Haltung eines japanischen Soldaten sollte es sein, keine Angst vor dem Tod zu haben und in Ehren für sein Land zu sterben. Diese Bedeutung der Kirschblüte ist heute fast vergessen, aber einige alte Leute haben deshalb bei Kirschblüten keine guten Assoziationen. Im Video schüttelt eine Person ihren Kopf unter den Kirschblüten. Die Bewegung verschärft sich und auf der nächsten Ebene wird die Person geohrfeigt und man hört das Geräusch von Schüssen.

Sakura (Cherry Blossom) von Tomoku Inagaki (2009)

Das historische Segment „Das erste Fernsehen“ (5. Februar 1430h) hält einige Filmdokumente parat, die sonst selten zu finden sind: So werden unter anderem die Sendezeichen und An- und Absagen des „Deutschen Fernseh-Rundfunks“ (DFR) aus dem Jahr 1935 (3 min) abgespielt, gefolgt von einem neunminütigen Zusammenschnitt zu den Vorbereitungen zum Reichsparteitag 1936 sowie einem siebenminütigen Zusammenschnitt aus den Übertragungen zur Olympiade 1936, die von den Nationalsozialisten auch mit den damals neuesten Medien zur Propagande genutzt wurde. Beim DFR handelte es sich um das weltweit erste Fernsehprogramm des Fernsehsenders „Paul Nipkow“, das von 1935 bis Winter 1944 gesendet wurde.

Berlin 1936

Nicht weniger interessant sind die ebenfalls gezeigten Filme „Berlin nach einem Bombenangriff“ (1940, 7 min), „Bauernarmut in Sowjetparadies“ (1941, 5 min, ein Propagandafilm, der die Bewohner eines durch die Wehrmacht eroberten Dorfes in der Sowjetunion zeigt), „Wie baue ich meinen Ofen selbst?“ (1943, 8 min; auch dieser verweist auf die Kriegsfolgen) und nicht zuletzt vierzehnminütige Ausschnitte aus der Sendung „Kalenderblätter – August 1943“. Jenes Magazin war primär für Soldaten in Lazaretten gedacht, um sie mit wohlgefälligen Informationen aus der Heimat zu versorgen; hier handelt es sich um einen idyllischen Sommertag in Berlin, kontrastierend zur realen Situation, nicht zuletzt im zunehmend ausgebombten Berlin.

Das Segment „Agit-Prop, Punks and Poets: Digital Media in the Arab World“ (4. Februar, 1430h) ist ebenso thematisch interessant: Der libanesische Künstler Mahmoud Hojeij (* 1975) portraitiert mit „We will win“ (2007, 8 min) den Versuch, den arabisch-israelischen Konflikt mittels eines Gesprächs zwischen drei Männern zu lösen. Die libanesische Filmemacherin Rania Stephan zeigt in vier ihrer acht Kurzfilme „Lebanon / War“ (zusammen 30 min), wie der durchschnittliche Libanese seinen Alltag im und direkt nach dem Libanonkrieg 2006 organisierte.

LEBANON / WAR von Rania Stephan (2006)

Das vollständige Programm der transmediale findet sich hier; der Hauptveranstaltungsort ist das Haus der Kulturen der Welt.

transmediale.11 – RESPONSE:ABILITY
Festivalpass 80 € (reduziert 45 €)
Tagespass 25 € (reduziert 18 €)
Preise für Einzelveranstaltungen variieren (siehe hier)

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

  1. Übersetzung Bayer
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